Staatstheater Nürnberg
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Schauspiel

Reigen

von Arthur Schnitzler

Regie: Anne Lenk, Jan Philipp Gloger

Samstag, 13.06.2020

19.30 Uhr

Kammerspiele

Abo K31

VORSTELLUNG ENTFÄLLT

Der „Reigen“ war ein Skandal. Vor genau hundert Jahren unter tumultuösen Bedingungen urauf-geführt und lange verboten, ist Schnitzlers Totentanz um Begehren, Erfüllung und Betrug immer noch eine Aufgabe, der sich jede Regie entschieden stellen muss: Wie zeigt man Lust, wie Erregung? Immerhin droht heute keine Verhaftung wegen Unzucht mehr. Und hinter der Erotik lauert ohnehin etwas ganz Anderes: das Spiel mit der Macht ohne Rücksicht auf sozialen Status oder Lebensalter. Jan Philipp Gloger, Anne Lenk und das Ensemble nähern sich dem Geschlechterkampf rund um die berühmtesten Gedankenstriche der Weltliteratur auf eigenwillige Weise: In nach Geschlechtern getrennten Gruppen untersuchen sie Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit bevor die Figuren aufeinander treffen.

Beschreibung

Im Dezember 1920 fand in Berlin ein bereits 1896/97 geschriebenes Stück auf die Bühne – trotz aller Zweifel seines Autors an der Aufführbarkeit und eines vom preußischen Kultusministerium erlassenen Aufführungsverbots. Eine „obszöne Veröffentlichung“, lautete das Urteil. In München kam es im Folgejahr wegen ebenjenes Stücks zu Schlägereien, in Wien wurde bei einer antisemitisch grundierten Saalschlacht gar das Theater demoliert. „Reigen“ hieß das corpus delicti, eine Art mittelalterlicher Totentanz in zehn Akten – zehn Geschlechtsakten – und Arthur Schnitzer der Autor der so zarten wie zwanghaften Libido-Stafette. Es begegnen einander in den einzelnen Szenen Paare, vollziehen den Geschlechtsakt und trennen sich, wobei immer einer der Partnerinnen in der nächsten Szene auf einen neuen trifft, bis die Dirne aus der ersten dem Grafen aus der vorletzten begegnet und sich damit am Ende der Kreis schließt.

Die Paare finden zueinander nach gesellschaftlichen Regeln, über Altersgrenzen und soziale Gruppenzugehörigkeit hinweg. Die Gesellschaft stellt Möglichkeiten, passenden Orte und mehr oder minder sozial sanktionierte Formen für solcherlei Treffen bereit: Tanz und Volkspark, Absteigequartier und Chambre separée, Hotel und Bordell, Liebelei und Ehe. Alles dient nur einem Zweck. Und alle Szenen laufen im Anlocken, Abstoßen, Flirten, Flunkern und Durchdeklinieren von Erregungskurven nach einer immer gleichen Regel ab: lange, kokette Vorrede – Licht aus! – kurzes trockenes Nachspiel. Inzwischen zum Klassiker geworden (mehrfach verfilmt, formal oft kopiert und spielerisch immer neu variiert), ist das Stück natürlich längst nicht mehr skandalös. Die Gesellschaft hat ihre moralisierenden Hüllen fallen gelassen. Der grotesk-komische Reigen um Begehren, Betrug und neue Begierde wird inzwischen in aller Öffentlichkeit und vor allem auch im Echoraum der sozialen Medien getanzt. In Zeiten von Tinder, YouPorn und noch den absurdesten Spielarten des Kuppelns im „Reality-TV“ ist eine permanente Austauschbarkeit von Liebes- und Begehrensobjekten lange schon die Norm, ist öffentlich mehr denn konsumabel, was Schnitzer noch dezent ausblendete. Gleichzeitig mit der vermeintlich permanenten Austauschbarkeit und Verfügbarkeit Aller für Alle scheint es aber auch eine steigende Sehnsucht nach Beständigkeit zu geben: Rückzug ins Private, Landlust und -liebe im „Bionadebiedermeier“. Das alles (und selbstverständlich auch ein erweitertes Geschlechterrollenverständnis sowie variantenreichere Spielarten des Begehrens) bietet aufregende neue Möglichkeiten für Hausregisseurin Anne Lenk und Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger, Schnitzlers Text, den auch eine große Melancholie angesichts der Unmöglichkeit, wirklich zueinander zu finden, grundiert, auf verschiedensten Ebenen im „gemischten Doppel“ neu zu befragen.

Termine und Besetzung

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