Inszenierung von Macht und Unterhaltung.

 

Propaganda und Musiktheater in Nürnberg 1920 bis 1950


Ein Forschungsprojekt des Forschungsinstituts für Musiktheater Thurnau (fimt) in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Dokumentationszentrum Reichparteitagsgelände

Projektleiter: Prof. Dr. Anno Mungen

Projektstart: 2014

Nürnberg, die Stadt der Meistersinger, die Stadt der Reichsparteitage, die Stadt der Rassengesetze, die Stadt der Nürnberger Prozesse, die Stadt der Menschenrechte – wohl wenige Städte stehen in spannungsvollerer Verbindung zur jüngeren deutschen Geschichte. Wenn die Ouvertüre der „Meistersinger“ zu Beginn jedes Reichsparteitages erklang, wenn das mittelalterliche Stadtbild zur Kulisse für die Aufmärsche der braunen Machthaber wurde und schließlich das Stadttheater im August 1944 seine Türen mit „Die Götterdämmerung“ schloss, so liegen die Zusammenhänge zwischen Theater, Stadt und Politik bereits auf der Hand. Inszeniert wurde in der NS-Zeit nicht nur im Theater, wenn städtische Räume zur Bühne für politische Propaganda und Machtdemonstrationen wurden. Im Gegenzug wurde das Theater zum Austragungsort ideologischer und ästhetischer Auseinandersetzungen. Mit diesen Wechselwirkungen zwischen öffentlichem Raum und Theaterbühne, künstlerischer und politischer Inszenierung beschäftigt sich das 2014 angelaufene und seit 2017 DFG-geförderte Forschungsprojekt und fragt nach den Synergien zwischen Politik, Stadt und Theater.

Es gilt zu beantworten, welchen Einfluss die Anforderungen des NS-Regimes an die Gestalt und Funktion von Kunst auch im Musiktheater hatten, wobei man Nürnberg hier als besonders prädestiniert für die zu verwirklichenden Ideale annehmen darf. Die mittelalterliche Reichsstadt wurde bereits im 19. Jahrhundert zu einem Kristallisationspunkt einer romantischen und nationalen Schwärmerei. Nicht verwunderlich war, dass vor einer Kulisse von Burg, Stadtmauer und Fachwerkhäusern auch Richard Wagner „Die Meistersinger von Nürnberg“ (1868) spielen ließ. Genauso wenig überraschend scheint es, dass der Wagnerbewunderer Adolf Hitler die Parteitage der NSDAP ab 1927 in Nürnberg zelebrierte, wo mit dem Zeppelinfeld eine monumentale Bühne geschaffen wurde. Auch das Stadttheater förderte Hitler nachhaltig und beeinflusste die Umbaumaßnahme von 1935, in deren Verlauf mit der Purifizierung des pompösen Jugendstilgebäudes nun eine nationalsozialistische Ästhetik Einzug hielt. So wie das Theater zu einem Instrument der NS-Kulturpolitik wurde, so wurde auch die Stadt selbst Funktionsträger städtischer, nationaler und nationalsozialistischer Selbstbespiegelung, die schließlich ihr Referenzwerk wiederum in den „Meistersingern“ fand. Hier wie dort finden sich gleichsam gesamtkunstwerkliche Strategien.

Der Schwerpunkt der ersten Projektphase lag in der oral history. Die Arbeit mit Zeitzeugen, die einem Aufruf in der Nürnberger Presse im Juni 2014 gefolgt sind, trugen zum Forschungsprojekt mit Dokumenten wie Fotos, Zeitungsausschnitten und persönlichen Aufzeichnungen, sowie ihren eigenen Erinnerungen bei. Die so gewonnenen individuellen Erfahrungen und Eindrücke stellen für die Forschungsarbeit gleichermaßen eine methodische Herausforderung wie eine besondere Bereicherung dar.

In der zweiten Phase, die im Januar 2017 angelaufen ist, werden die bisher gewonnenen Erkenntnisse vertieft und durch weitere Archivrecherchen ergänzt. Im Zentrum der zweijährigen Projektarbeit, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, steht insbesondere die Vermittlung der Forschungsergebnisse. Die Tagung „Hitler.Macht.Oper“ im Juni 2017 möchte aus interdisziplinärer Perspektive erste Zugänge zum Themenkomplex eröffnen. In den Vorträgen von Geschichts-, Musik- und Theaterwissenschaftlern sowie Vertretern aus den Bereichen Kunst und Museum werden die wechselseitigen Beziehungen zwischen inszenierter Herrschaft und herrschaftlicher Inszenierung am Beispiel Nürnbergs zur Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache gebracht.

Die Tagung versteht sich auch als Impuls zur Ausstellung, die im Sommer 2018 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg eröffnet wird. Hierbei wird versucht, die Verbindungen zwischen Theaterpraxis, urbaner Identität und politischer Machtausübung freizulegen. Dabei geht es nicht nur um die Institutionsgeschichte des Nürnberger Opernhauses. Ziel ist es vielmehr, die theatralen und propagandistischen Inszenierungsstrategien und deren Wechselwirkungen unter nationalsozialistischer Herrschaft einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit den beiden Kooperationspartnern Staatstheater Nürnberg und Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände durchgeführt wird, möchte durch eine Kombination von theatraler und musealer Praxis ihre Objekte nicht nur zeigen und kommentieren sondern diese durch eine installative Präsentation auch sinnlich erfahrbar machen.


Mitarbeiter:


Silvia Bier M.A. (Wiss. Mitarbeiterin), Daniel Reupke M.A. (Tagungsorganisation und Wiss. Mitarbeiter), Tobias Reichard M.A. (Wiss. Mitarbeiter), Jasmin Goll, Max Koch, Jane Ebah Ruweji-Neumann, Georg Richardsen, Thomas Rufin (Studentische Hilfskräfte)


Tagungen


Leichte Muse im Wandel der Zeiten“ am 12.6.2016

  „Hitler.Macht.Oper“ von 2.– 4.6.2017


Publikationen


Leichte Muse im Wandel der Zeiten, Symposiumsbericht in der Reihe „Musiktheater im Dialog“ Bd. V, Herausgeber Stiftung Staatstheater Nürnberg



 

 






Hier können Sie den Symposiumsbericht erwerben


Beiträger aus unserem Theatermagazin IMPULS als pdf



Zeitzeugenberichte






Zeitzeugenberichte

 



"Hitler.Macht.Oper"


Ausstellung (geplant)


Inszenierung von Macht und Unterhaltung. Eine Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zum Forschungsprojekt „Inszenierung von Macht und Unterhaltung. Propaganda und Musiktheater in Nürnberg 1920-1950“

Eröffnung:

07. Juni 2018

Der Besucher soll in dieser Ausstellung die Wirkung der Inszenierungsformen der NS-Propaganda selbst nachempfinden können, wobei die Ausstellungsmacher – der Bühnenbildner und Installationskünstler Hermann Feuchter, Dr. Alexander Schmidt vom Doku-Zentrum und die Wissenschaftler*innen – sehr genau darauf achten werden, dass der Zuschauer gleichzeitig eine kritische Distanz wahren kann.