Oper

OperKonzertBallettTheater

 

Stücke


Presse

Patrick Marber
Hautnah
Regie: Oliver Karbus
Ausstattung: Christian Feichtinger
Dramaturgie: Ralph Diermann

Besetzung | Aufführungsfotos | zurück


Höhlenmensch mit Cybersex
Patrick Marbers "Hautnah" in der Inszenierung von Oliver Karbus am Nürnberger Schauspielhaus

Liebe, Sex (erobert oder gekauft), Betrug, Hass, Eifersucht - es gibt nichts Neues zu berichten von den Fronten im immerwährenden Geschlechterkampf. Nur die Spielregeln haben sich geändert. Man unterhält sich nicht mehr über Veroneser Balkongeländer hinweg, sondern smalltalkt bei Vernissagen. Man schickt sich keine duftenden Briefchen, sondern "chattet" im Internet - notfalls mit geliehener Identität.

Scheinbar eine Kleinigkeit, verglichen mit ein paar tausend Jahren Fortpflanzungsgeschichte. Einer hat gemerkt, dass darin Zündstoff für's Theater liegt, hat genau hingeschaut und ein Stück in der Sprache der 90er geschrieben. "Hautnah" von Patrick Marber ist präzise beobachtet, gemein treffend, manchmal witzig überzeichnet und in der Inszenierung von Oliver Karbus am Nürnberger Schauspielhaus absolut sehenswert.

Mit Mut zur Auslassung und Konzentration auf Marbers schlagkräftige Dialoge stellt Karbus zwei Frauen und zwei Männer in Christian Feichtingers Bühnenbild, das die Leere effektvoll zelebriert: Ein paar Stühle, Projektionen an der Wand als einziger Farbfleck, fast störend schon Vorhang, um eine Wohnung zu markieren. Es zählt, was gespielt wird, nur die Wörter müssen sichtbar werden, nicht dieses Lon don, in dem sich Alice und Dan, Anna und Larry in Liebe zerfleischen.

Das "Ach Gott!" eines wohl eher an Klassiker gewöhnten Zuschauers beim Anblick der fast kahlen Bühne verstummt, als Verena Turba als rotzig-trotziges Gör Alice in der Tasche von Dan nach Essbarem wühlt. Dan hat Alice nach einem Unfall "von der Straße gekratzt", sie zerfließt nicht vor Dankbarkeit, sondern erwählt ihn kurzerhand zum Mann ihres Lebens. Flottes Mundwerk, keine Hemmungen, dafür den Glauben an die wahre Liebe: Alice ist hier die geradlinigste Figur, hoffnungslos ehrlich und deshalb Verliererin - scheinbar.

Dan, der journalistische Nachrufschreiber, der mit der Lebensgeschichte seiner Freundin Alice zum Romancier wird, verliebt sich in Anna, die reife Frau und Fotografin. Ein mit diesem diffusen Charakter etwas überforderter Thomas Nunner und Adeline Schebesch bezirzen sich, doch was ihre Liebe entflammt, bleibt eher nebulös.

Es sind die sprachlichen Feinheiten, mit denen gefochten wird. Man muss jedes Wort umdrehen und dahinter schauen, kann alles wörtlich nehmen oder hinterfragen, spielen oder ernst machen. Dan ist der Spieler, Larry sein Opfer: Als "Anna" mit "epischen Titten" lockt er Larry per Internet zum virtuellen Liebesspiel. Jochen Kuhl spielt mit Verve den "Höhlenbewohner" Larry im erotischen Netz, der mit seinen simplen körperlichen Bedürfnissen in sämtliche Fallgruben der komplexeren Emotionen bricht: Liebe heißt bei ihm Sex, und Partner-Betrug ist erst dann komplett, wenn vollständig geklärt ist: "Ist es ein guter Fick?".

Dan schickt die echte Anna zum "Date" mit Larry ins Londoner Aquarium - ein passend unwirklicher Ort für Gespräche wie dieses. Ein Möchtegern-Sex-Abenteurer und eine Dame reden gekonnt aneinander vorbei. Marber flaniert in Zeitsprüngen weiter durch das Leben der vier: Neue Paarungen und Eifersucht, Trennungen und liebeslose Bett-Affären. Die Newton-Schaukel auf Dans Schreibtisch ist das Sinnbild für dieses Partner-Spiel: Wenn sich zwei Kugeln berühren, wird eine dritte weggestossen.

Totale, verletzende Wahrheit als Vertrauensbeweis oder doch lieber Stillschweigen über Seitensprünge und emotionale Nebensächlichkeiten? Sich selbst zeigen in nacktem Bedürfnis wie Larry oder lieber ein Türchen offen lassen wie Dan und Anna? Nach der ewigen Liebe forschen wie die Frauen oder Besitzerinstinkten gehorchen wie die Männer? "Hautnah" pendelt zwischen Gier und Gefühl, emotionalem Tiefsinn und trivialer Befrie digung. Zwischenmenschliche Codes werden geknackt oder missachtet, mit möglicherweise fatalen Folgen.

Oliver Karbus ist der Verlockung nicht erlegen, die Szenenfolge als reines Boulevardstück bloßzulegen. Er hält das Tempo aufrecht, hat so an den Dialogen gefeilt, dass nur wenige der Sätze verloren gehen, die hier wie Dolche fliegen. Marbers leichte Gags sind da, um Ernüchterung folgen zu lassen. Hinter dem Vorhang der Zivilisation lauern die Triebe. Verena Turba als lebensweises Girlie und abgebrühte Stripperin, Jochen Kuhl als Naivling mit Sinn für sexuelle Macht bilden die tragenden Säulen des Ganzen. Adeline Schebesch kommt nach und nach in Fahrt und zeigt Annas Verletzlichkeit. Allein Thomas Nunner wandelt sich vom aktiven Retter und Internet-Kuppler zum etwas farblosen Ping-Pong-Ball im Liebesspiel. Rauschenden Beifall gab es für alle.

Wenn am Ende von "Hautnah" der Small-Talk die Gefühle beherrscht, Anna lieber ihren Hund statt einen Mann liebt und sich die Wahrheit als falsch herausstellt, dann endet diese Tragödie der Einsamkeit zu viert unversehens in dem, was am meisten erschüttert: in Banalität.


Katharina Erlenwein/Nürnberger Nachrichten


Oliver Karbus inszenierte Patrick Marbers "Hautnah" im Schauspielhaus
Wort für Liebe mit vier Buchstaben
Böse Beziehungen, schlimme Verhältnisse - cool, souverän und mit Humor gespielt

"Stell Dich in die Schlange, Django", sagt Alice. Aber Dan braucht gar nicht anzustehen, er kann sofort bei ihr landen. Denn erstens ist Alice Stripperin und zweitens geht in dem Stück "Hautnah" ohnehin alles sehr schnell, was zwischen Mann und Frau so läuft. Es wird auch nicht lange herumgeredet, vielmehr nennt jeder die Sache gleich beim Namen - beim vulgärsten, den es für Sex und die beteiligten Organe gibt. Im Englischen, wo das Stück herkommt, sind das die berüchtigten "Four-letter-words". Im gleichen Atemzug mit diesen vier Buchstaben reden die Figuren übrigens oft von Liebe. Wer nur ein bisschen Angloamerikanisch versteht - und wer könnte das nicht im Zeitalter des Internet - der weiß: Love is a Four-letter-word.

Bevor wir aber ins weltweite Netz mit seinen unbegrenzten pornografischen Möglichkeiten einsteigen, lernen wir die vier handelnden Personen kennen. Patrick Marber, der Autor des Erfolgsstücks, macht das ganz knapp, sehr direkt - dramaturgisch virtuos, das muss man ihm lassen.

Dan ist der Drahtzieher dieser gefährlichen Liebschaften der Computer-Ära. Von Beruf Journalist, auf Nachrufe spezialisiert, verkörpert er am radikalsten die "Genuss-sofort"-Gesellschaft des zu Ende gehenden Jahrhunderts. Bei einem leichten Autounfall hat er Alice aufgelesen. In der Klinik-Ambulanz treffen beide den Arzt Larry. Dan und Larry begegnen sich bald wieder in einem "chat-room", einer elektronischen Quatschbude für Sex. Dan gibt sich dort als supergeile Frau aus.

Die Internet-Unterhaltung der beiden wird im Schauspielhaus auf eine große Leinwand projiziert. Weil die "Partner" Frage und Antwort jeweils erst eintippen müssen, ist das ein wenig umständlich, aber doch spannend und für einen großen Teil der Zuschauer offenbar höchst vergnüglich: Je schweinischer die Ausdrücke, desto röhrender das Gelächter.

Dan verkuppelt Larry per world-wide web mit Anna, der Fotografin, mit der er neben Alice ein Verhältnis hat. Larry heiratet Anna, aber die nun ehebrecherische Beziehung geht weiter. Jeder betrügt jeden, Larry sieht Alice in einem Strip-Club wieder, tröstet sich mit ihr. Später kommt sie dann nochmal mit Dan zusammen, am Ende ist sie tot. Larry hat nun eine Krankenschwester, Anna gönnt sich eine Pause und schafft einen Hund an, Dan muss nach New York fliegen, die tote Alice identifizieren, die allem Anschein nach keine Verwandten mehr hat.

Die Stripperin ist also das ärmste Schwein, womöglich eine Vollwaise aus der Unterschicht, die in der Schicki-Micki-Umgebung der drei anderen unter die Räder gerät. Aber das wäre eine andere Geschichte, ein Sozialdrama, das Patrick Marber nicht schreiben wollte: zu mühsam für die Ex-und-hopp-Generation.

Oliver Karbus, der "Hautnah" in Nürnberg gekonnt inszenierte, gönnt sich indes einen Rest von Nachdenklichkeit. Dadurch wirkt das schnelle Stück streckenweise etwas zögerlich - aber keineswegs zum Nachteil der darstellerischen Qualität. Zunächst fällt auf, wie angenehm zurückgenommen Thomas Nunner den Dan spielt. Bei seinen letzten Auftritten eher auf kalauernde oder tuntenhafte Komik abonniert, ist er hier clever, aber nicht auftrumpfend, witzig aber nicht lachhaft. Nunner macht klar, dass diese Figur selbst zum Opfer ihrer Sex- und Lebensgier wird. Was er erobert hat, langweilt Dan sofort.

Da kann ihn Alice nicht lange fesseln, denn sie sucht Geborgenheit. Verena Turba vermeidet das hier naheliegende Klischee "Nutte mit Herz", und die Regie bremst sie genau an dem Punkt, wo das Echt-gut-drauf-Sein überdreht wirken würde. Am Anfang ist sie eher ein Disco-Mädchen, cool aber noch kindlich verspielt. In den folgenden Jahren - das Stück spielt von 1993 bis 1997 in London - wird sie bitterer und radikaler. Ein falsches Wort von Dan, und die Wiederversöhnungs-Leidenschaft, die postulierte große Liebe ist dahin: "Verpiss Dich!"

Genauso intensiv und explosiv wie die Szenen von Verena Turba und Nunner gelingt der Schlagabtausch des anderen Paares nicht. Jochen Kuhl glaubt man bei aller Vehemenz den Wutausbruch des gehörnten Ehemannes Larry nicht ganz. Er läuft erst wieder zu großer Form auf, als er überlegen und ironisch sein darf, wenn sein Nebenbuhler als Häufchen Elend vor ihm steht: "Gemeinschaft wird immer triumphieren über Leidenschaft", erklärt Kuhl weise.

Adeline Schebesch verkörpert als Frau zwischen Dan und Larry zunehmend gequälte Zerrissenheit. Am Anfang führt sie mit dem Journalisten noch brillante Wortgefechte ("Willst Du Kinder?" - "Ja, aber nicht heute"), dann erkennt sie, dass sie aus ihrem selbst angerichteten Schlamassel nicht mehr herauskommt.

Es wurde also schauspielerisch sehr genau, hautnah und doch mit der nötigen Distanz gearbeitet. Karbus, ehemaliges Ensemblemitglied des Nürnberger Schauspiels, hatte allen Grund, sich im anhaltenden Schlussbeifall zu freuen wie ein Schneekönig. So bewies er Schauspieldirektor Holger Berg, der ihn als Regisseur nicht zum Zuge kommen ließ, auf dessen eben erst verlassener Bühne, wie gut er mit brisanten aktuellen Stoffen umgehen kann. Nun, aus dem Gostner Hoftheater ("Kunst", "Oleanna") wussten wir dies schon länger.

Mit seinem Ausstatter Christian Feichtinger tat Karbus ebenfalls einen guten Griff, die Bühnenbilder wirkten gerade durch ihre Sparsamkeit. Und schließlich trug noch die Musik zur dichten Atmosphäre bei: "Movin" von Supergrass wird in nächster Zeit wahrscheinlich ein gefragter Titel in den hiesigen CD-Geschäften.


Hans-Peter Klatt, Nürnberger Nachrichten